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Tagebuch vom Grünen Band

Tagebuch vom grünen Band

Allein auf Trekking-Tour an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze

Seit einigen Jahren geistert dieser Wunsch schon durch meinen Kopf. Da war die ehemalige deutsch-deutsche Grenze als Wandermöglichkeit noch kein Thema. Die Flora und Fauna zu erleben, die dort Jahrzehnte ohne große Beeinflussung gedeihen konnte, fand ich wundervoll. Aber mehrere Wochen am Stück meine Praxis zu machen - unvorstellbar. Aber es geht alles, wenn es notwendig, gut und richtig ist.

Morgen geht es los. Zunächst zu einem Workshop in Horn-Bad Meinberg. Am Sonntag dann von dort mit dem Zug direkt ans Grüne Band. Wenn alles so wird, wie ich mir das denke, habe ich gerade mal eine knappe Stunde, dorthin zu laufen und mir meinen ersten Nachtplatz zu suchen. Blöd ist, dass mein Regenponcho-Tarp-Biwaksack nicht mehr angekommen ist. Der sollte mich in der Nacht auch vor Regen schützen. Wird spannend!

 

Rucksack ist gepackt. Knapp 25kg alles zusammen. Die Packliste war riesig. Denke, dass ich auf alle Eventualitäten vorbereitet bin - Übernachtung, Essen, Feuer machen, Wasseraufbereitung, medizinische Ausrüstung, Regen, ...

Ich versuche, so oft wie möglich zu berichten. Werde aber nicht oft Gelegenheit haben, die ganzen elektronischen Geräte auf zu laden.

01.09.2017

Konnte die Nacht vor lauter Aufregung nicht einschlafen. Irgendwann laut schnarchend, als ob ich nächtliche Besucher schon auf mein Hiersein aufmerksam machen wollte. In dem Fall leider mein Mann,  der sich auf das  Sofa verzog. 

03.09.2017

Bahnhof Neu-Eichenberg. Drei wundervolle Tage bei den Externsteinen liegen hinter mir. Auf zum nächsten Abenteuer.

Habe das Bild von google maps im Kopf - aus dem Bahnhof raus, gleich links  rum. Nach ca. 200m muss es links über die Bahnschienen gehen. Hmh, in der Realität sieht es anders aus. Erst mal die Treppen hoch, aber links geht es wohl nur in ein privates Grundstück rein. Also geradeaus und dann links. Ich laufe schnell. Viel Zeit bis zum Dunkelwerden habe ich nicht. Obwohl ich zeitiger gefahren bin. 25kg tragen sich ordentlich. Schulter und Rücken machen  gut mit. Aber kräftemäßig doch eine Herausforderung. Meinen Brustgurt knallt es auf. Keine Zeit dafür. Ich schaue immer wieder nach links. Sieht aber nichts nach einem Weg oder Brücke aus. Und dann kommt das letzte Haus. Ich muss schon vorbei sein. Was für ein Mist. Eine Brücke vor mir. Ich schaue in die Karte. Die Brücke geht über die stark befahrene B27. Kurz davor geht links ein Pfad rein. Dem folge ich. Auf der anderen Seite gestikuliert ein Mann. Ich verstehe ihn garantiert falsch und laufe weiter. Komme an einem abgeernteten Maisfeld heraus. Überlege, ob ich auf dem zurück gehe. Läuft sich zwischen den Stoppeln aber bescheiden. Dann lieber auf die andere Seite der B27 dem Fahrradweg folgend. Eiltempo. Die Sonne verschwindet. Stehe an einer Kreuzung. Ein mitleidiger Autofahrer hält an. Bedanke mich und zeige, dass ich in die andere Richtung will. Ich haste die Straße bergauf. Bin schon schweißnass. Verfolge den Weg auf der Karte.

Eine Familie mit Kleinbus hält an. "Ganz lieb von Ihnen, aber ich will auf`s grüne Band. Da muss es doch hier irgendwo rechts rein gehen?" "Aber das ist noch ein Stück!"

Endlich das nicht zu übersehende große Hinweisschild auf die ehemalige deutsch-deutsche Grenze. Ich bin schweißgebaden. Ein Kolonnenweg ist nicht zu sehen. Brennesseln, Gestrüpp, Absperrungen mit Weidezaundraht. Also weiter. Blick in die Karte. Hier muss doch ein Weg rechts rein gehen. Da ist er. Ich laufe an einem Maisfeld vorbei und stehe wieder unentschlossen da. Ah, ich sehe ihn. Der Kolonnenweg. Endlich. Ein schöner Weg entlang Teichen, Weiden, Abschnitten mit Wald im warmen goldenen Schein der Abenddämmerung. Der Weidezaundraht ist unterbrochen, dahinter ein mit Bäumen bewachsener Graben. wahrscheinlich der ehemalige Autograben. Die Kiefer scheint gut geeignet. Spanne die Armeeplane zwischen den Ästen, darunter die Luftmatratze und Kopfkissen aufgeblasen, Schlafsack. Fix noch ein Bioknackwürstchen und Buchweizenbrot gegessen. Genieße die Abendstimmung. Ziehe die schweißnassen Klamotten aus. Wohin damit? Aufhängen wird nicht viel nützen. Das offene Gelände mit dem vielen Gras wird in der Nacht sehr nass werden. Ich stopfe sie ans Fußende des Schlafsackes. In den Schlafsack gekuschelt.

Es ist fast Vollmond und ich schaue genau auf ihn. "Uhu,Uhu." Tatsächlich ein Uhu?" "kuiwitt, kuiwitt." Eindeutig ein Käutzchen. Eine Fledermaus flattert auch herum. Versuche zu schlafen. Geht irgendwie nicht. Die Geräusche der B27 und der Bahnschienen schallen herauf. Biolärm wäre mir lieber. Es fröstelt irgendwann am Rücken. Richtiges Schlafen ist das nicht. Um 3.°° Uhr schaue ich auf die Uhr. Der Mond ist weg, dafür strahlt der Sternenhimmel. Ich setze meine Brille auf und genieße das funkelnde Firnament. Würde trotzdem gern schlafen. Angst habe ich keine. Aber je nasser der Schlafsack wird, desto mehr friere ich. Endlich das Morgenrot.

04.09.2017

Ich beobachte den aufgehenden Morgen. Ein Reh geht ca. 50m entfernt langsam über die Wiese. Die Sonne beginnt genau mir gegenüber ihre Bahn. Vom dunklen Rot ins Orangene übergehend funkelt ihr Licht durch die Bäume. Kurz nach 6.°°Uhr stehe ich auf. Morgenwäsche - nackt im nassen  Gras kullern und mit Lappen abreiben. Sachen wechseln. Die von gestern sind noch nass. Ich spanne eine Leine zwischen die Äste, hänge Klamotten auf. Im mächtigen Rucksack ist eine warme Jacke.

Hobokocher zusammengebaut, dürre Zweigchen von der Kiefer abgebrochen und Feuer gemacht. Wasserkessel drauf. Mist. Brennt viel zu schnell ab. Hätte mir erst ein kleines Häufchen passende Ästchen zurecht legen sollen. Das Wasser kocht. Rotkleeblüten und Wegerichblätter zu einem schmackhaften Tee gebrüht. Alnatura Frühstücksbrei mit heißem Wasser angerührt, Studentenfutter und klein geschnittenen Apfel dazu. Was für ein leckeres Frühstück im Panorama der mit entgegen scheinenden allmählich wärmenden Sonne über den langsam ziehenden Nebelschwaden.

Dann langsam alles abgebaut. Schlafsack hat über der Leine gut getrocknet. Bin gerade bei den letzten Handgriffen, da fährt ein Jeep des Naturreservates Eichsfeld vorbei. Der Fahrer schaut zu mir. Wir nicken uns zu.

So, wie jetzt den Monsterrucksack auf meinen Rücken bekommen? Nichts da, wo ich ihn drauf stellen könnte. Überlege Heike! Ich setze mich oberhalb des Grabens, ramme den Wanderstock vor mich in den Boden, hucke mir den Rucksack auf und stemme mich hoch. Das kann nicht richtig sein. Habe zwar alles dabei, was zum Trekking benötigt wird, kann es aber im Grunde genommen nicht tragen. Typisch Steinbock, alles detailliert planen und dann mit 60kg Körpergewicht 25kg tragen  wollen. Bescheuert!

Mit einem kleinen Naturgeschenk bestehend aus Apfelstück, Nüssen und einem Stück Schokolade bedanke ich mich von den Hütern und Bewohnern dieses Platzes für ihre Gastfreundschaft. Ich schaue auf die Uhr. Wahnsinn, habe vier Stunden gebraucht.

 

Der Kolonnenweg wird zur Herausforderung. Landschaftlich wunderschön. Weiden, Wiesen, Berge. Augentrost direkt auf dem Kolonnenweg.  Fast immer einen freien Blick über die Hügellandschaft des Eichsfeldes. Aber die Hügel und Berge muss ich auch rauf und runter. Irgendwann beginne ich alle paar Schritte stehen zu bleiben. Mein Herz wummert. Wege, die sonst überhaupt kein Problem darstellen, sind mit diesem Rucksackgewicht eine Grenzerfahrung. Links erhebt sich die Ruine der Burg Hanstein. Meine Hände zittern, als ich ein Foto mache. Ein Rastplatz. Rucksack runter. Bin wieder schweissgebadet und mein Wasser geht zur Neige. An die  Quellen, die in der Karte eingezeichnet sind, komme ich nicht ran. Laufe weiter.

Unterhalb der Burgruine ist eine schöne Schutzhütte. Mittagsrast. Idyllisch. Die Schutzhütte steht oberhalb einer Wiese, an deren einem Ende Pferde und ein kleiner Teich sind, links geht es in den Wald und nach oben die Ruine mit einigen wenigen Wohnhäusern.

Wolken kommen auf. Wetter-app kurz an. Soll regenfrei bleiben.

Wieder geht es berghoch. In kleinen Schritten, immer wieder stehen bleibend. Ganz oben sind 7 Eichen gepflanzt für die 7 Bundesländer an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Ein wunderschöner Blick ins Werratal und über den Eichsfeld überwölbt von großen sonnendurchschienenen Wolken. Dann der steile Abstieg. Irgendwann habe ich die Vision, wie ich stolpere und der Rucksack mich den Weg lang schleudert. Ich beginne, meinen Wanderstock vor mich schräg hin zu stemmen, drei kleine Schritte zu gehen, stehen zu bleiben und wieder den Stock vor mich hin. Meine Beine zittern. Ich merke meine Knie und wie die Füße nach vorn zu gestaucht werden. Trotzdem muss ich auch immer wieder auf die Pflanzen sehen, die in den Lücken der Betonplatten wachsen. Frauenmantel, Augentrost. Einfach hübsch. Endlich sehe ich zwischen den Bäumen ein Stück Flusslauf im Tal. Nach jeder Wegbiegung hoffe ich, unten zu sein. So müssen sich wohl die Pilger früher gefühlt haben, wenn sie mit dem großen Holzkreuz auf der Schulter gelaufen sind.

Komme an einer tollen Schutzhütte vorbei. Mit Feuerstelle. Auf einem Stück Wiese mit Blick auf Lindewerra. Das wäre ein prima Übernachtungsplatz. Habe aber immer noch kein Wasser. Dafür um so mehr Durst. Ich bin zwar noch nicht so viele Kilometer gegangen aber völlig fertig. Spiele mit dem Gedanken, meine Luftmatratze auf zu blasen und hier im Sonnenschein erst mal Pause und ein Nickerchen zu machen. Aber - ich brauche erst mal Wasser. Schon komisch, in der Zivilisation zu merken, wie sehr man Wasser braucht. Hoffentlich bekomme ich keine "Missing-Phobie" und muss künftig immer Wasser an der Frau haben.

Laufe durch Lindewerra. Der Kolonnenweg ist zum  Werra-Radweg geworden. Sehr schön hier. Dem Ort sei Dank. Der Stockmacherei ist eine Gaststätte zugehörig. Ich setze mich in den Biergarten und werde sofort mit Fragen überhäuft. Ein Radfahrer-Pärchen-Quartett Anfang sechzig. "Wie schwer ist der Rucksack? Wo kommen Sie her?" Wie weit wollen Sie noch gehen?"

Ein stilles Wasser und ein Pils. Jetzt geht es mir besser. Ich beobachte die Gäste. Hape Kerkeling würde sich freuen. Ein 4er Trupp symphatischer Biker um die 50. Drollig an zu schauen mit ihren Lederkluften, wo die Hose versucht, unter einem riesigen Bauch oder einem kleinen Po zu halten. Sie fahren gemeinsam jedes Jahr ins Blaue. Ihr Hauch von Freiheit. Sie sind am Aufbrechen. Schade, hätte mich gern mit ihnen unterhalten.

Die Radfahrer sind die ganze Zeit am um sich Schlagen. Wespen, die es auf ihren Kuchen abgesehen haben. Eigentlich sind sie in einem Alter, wo sie wissen müßten, dass das die Wespen noch aggressiver macht.

"Wir müssen eine tot schlagen, damit sie es den anderen sagt, was ihnen blüht." Ah ja, der Humor der Städter. Da wollen sie Natur, radfahren an der Werra, und wenn die Natur zu ihnen kommt, muss sie tot geschlagen werden. Ein Stück Kuchen war wohl anders bestellt. Die Kellnerin will es wieder rein schaffen.

"Geben Sie es mir!" Ich esse um meine Wespen drum rum.  So hat jeder, was er will.

Ein Paar mit einem wunderschönen Hund setzt sich. Der Hund war wohl in der Werra. Bis zum Bauch ist er nass. Ist ganz aufgeregt und wuselt herum. Sie haben ihn vom Tierschutz. Schön, dass er jetzt ein gutes Zuhause gefunden hat.

An dem Haus gegenüber sind Zimmer zu vermieten. Ich werde wankelmütig. Brauche dringend eine Dusche. Bin völlig fertig. Allein der Gedanke, noch weiter gehen zu müssen. Ich kann nicht mehr und was noch schlimmer ist, ich will nicht mehr. Hape, Du hast auch nicht in den Pilgerunterkünften übernachtet, sondern lieber was Schönes gesucht. Ich habe Urlaub und muss kein hardcore machen. Nachgefragt und gesucht. Finde ein Zimmer in einer Fewo. Für eine Nacht, die Vermieterin sieht nicht begeistert aus.

"Ja ich weiß, wir haben auch eine kleine Ferienwohnung. Eine Nacht und eine Person ist blöd."

Das macht sie weich. Sie ist nett. Stellt mir sogar eine Flasche Wasser vor die Tür. Ich dusche, wasche dabei die schweißnassen Sachen bis auf Hose durch. Telefoniere mit meinem Ralf und falle ins Bett. Kann ja abends noch mal vor zu einem Bierchen gehen. Aber ich bin so kaputt, dass ich nach dem ersten Aufwachen mich nur umziehe, mir eine Dröhnung Magnesium verpasse und weiter schlafe. Tief und fest.

 

05.09.2017

Sachen sind trocken. Bekomme mein Frühstück. Ganz klassisch. Esse also Weizenbrötchen und sogar Wurst. Bewundere noch den prachtvollen Maine coon-Kater. Und tauschen Negativ-Erfahrungen mit Fewo-Gästen. Frage, wie es sich gelebt hat mit den vor dem Haus patroillierenden Grenzern.

"Ich bin so groß geworden. Kannte es nicht anders. Irgendwie ging das."

Dann geht es wieder los. Gehe kurz auf die Brücke, die nach vielen Jahrzehnten wieder gebaut wurde. Es wandert sich schön auf dem flachen Werra-Radweg. Angenehme Temperaturen, leichte Brise . Immer wieder kommen mir Fahrradfahrer entgegen. Komisch, nicht von hinten. Alle lächeln, grüßen, ab und an eine spaßige Floskel. Der Geist des Wanderns vereint.

Stefan kommt mir entgegen. Wie ich auf dem grünen Band unterwegs. Er taxiert den Berg hinter Lindewerra. Muss ihm leider bestätigen, dass der Aufstieg ordentlich wird. Er hat das gleiche Problem wie ich - wo bekommt man Wasser her. Wir verabschieden uns. Er weist mich noch auf den offenen Reißverschluss meines Rucksackes hin. Ja, 25kg sind auch für den zuviel. Wird nur noch gehalten durch den darum geschnürten Werkzeuggürtel.

Mache Pause an einer ganz neuen Schutzhütte. Davor eine sehr interessante Infotafel. Der Radweg war früher der Kolonnenweg mit meterhohem Zaun. Ob die Grenzer einen Blick für diese idyllische Landschaft hatten? Tragisch und makaber, was menschlicher Geist in seiner schizophrenen Auslegung von politischer Meinung oder Glaube produziert.

Auch im nächsten schmucken kleinen Dorf ist visavis der Dorfkirche zur Errinnerung der Grenzöffnung eine Linde gepflanzt. Die Kirche ist zu. Schade, hätte gern die Akustik ausprobiert und ein bißchen gesungen. Der Radweg verläuft jetzt parallel zur Straße. Am Abzweig zum Grenzmuseum muss ich mich  endgültig entscheiden. Letztendlich bleibt mir aber nichts anderes übrig. Der Rucksack ist zu voll für den Rucksack selbst  und für mich. Das ist kein entspanntes Trekking. Ich laufe bis Bad Sooden. Der Zug fährt vor meiner Nase weg. Dann warten auf den nächsten. Komisch, wenn Zeit keine Rolle spielt. Sitze völlig entspannt auf dem Bahnhof. Heute Abend bin ich zu Hause. Packe meinen Rucksack um und bin morgen wieder auf dem grünen Band.

06.09.2017

Starte neu von Probstzella. 10 kg leichter und mit meinem neuen supertollen Regencape-Tarp-Biwaksack. Tausche die Sicherheit gegen leichteres Wandern. Alles zum Feuer machen, medizinische Ausrüstung, warme Jacke, ... alles raus. Laufe nun die Grenze runter. Oder hoch?

Laufe durch die stille Stadt. Bürgersteige hoch geklappt wie bei uns. Es nieselt leicht. Laut google maps von zu Hause müßte rechts ein Weg über oder unter den Bahnschienen gehen. An der Kreuzung bin ich eindeutig wieder zu weit. Blick in die Karte . Wieder ein Stück zurück. Dann habe ich den Weg. Wieder mal bergauf. Aber mit dem deutlich leichteren Rucksack ganz anders zu laufen. Nach einem Blick auf Probstzella, der ehemals letzten Bahnstation von Ost nach West hier, laufe ich stundenlang durch den Wald. Niemand begegnet mir. Bin allein mit mir und der Natur. Phantastisch! Eine Herde irischer Hochlandrinder. Kuschlig. Da plätschert doch was. Juchhu, eine Quelle. Ich fülle ab und lasse das Wasser durch meinen genialen kleinen Sawyer mini-Wasserfilter laufen. Anschließend noch kurz ultraviolettes Licht drauf. Fertig, prima Trinkwasser. Wie man sich doch in der Zivilisation über Wasser freuen kann.

Bekomme links eine Blase. Kann ja wohl nicht sein. Mit den Wanderschuhen war ich schon vor einem Jahr mehrere Wochen am Baikalsee wandern. Höre Angela sagen: " Niemals zum Wandern frisch gewaschene Socken anziehen." Ja klar, habe gestern alles noch mal gewaschen. Komme in die Gegend rund um die Thüringer Warte. Hier war ich doch zum Survivalwochenende. Trotzdem weiß ich gerade nicht ganz klar, wo ich bin. Doch dann, den Weg kenne ich. Und dann sehe ich unseren ehemaligen Lagerplatz. Fröbelblick. Gerade als ich dort ankomme, biegt ein Auto vom entgegen kommenden Kolonnenweg zum Platz an. Ein älterer Herr und ein Dackel steigen aus.Ich grüße und gehe zu der Hütte. Wir kommen ins Gespräch. Er rät mir dringend ab, um Lichtenhain dem Kolonnenweg zu folgen.

"Hier kann man sich ganz leicht verlaufen. Flüchtlinge haben sich nicht nur einmal plötzlich wieder im Osten wieder gefunden." Ganz begreifen kann er mein Vorhaben nicht .

"Sie sind aber mutig."

Bietet mir an, mich bis nach Lichtenhain mit zu nehmen. Aber ich will ja laufen.

Wir unterhalten uns noch über den Fröbelblick. Er erzählt begeistert von den Schülern eines Rudolstädter Gymnasiums, die diesen Ort praktisch geschaffen haben in den verschiedensten Projekten. Zeigt mir den Backofen. Und weiß auch von den Orientierungsläufen, die nicht einfach waren für die Schüler.

Wir verabschieden uns. Dackel Felix hat die Auszeit genossen.

Ich esse noch was. Und mache mir aus mehreren Breitwegerichblättern ein Pflaster für die Blase. Schade, hier hätte ich gern wieder übernachtet. Ist aber noch zu zeitig.

Und weiter den Plattenweg lang. Nasche von dem Waldschaumkraut aus den Betonplattenfugen.

Als ich aus dem Wald heraus komme, wartet Herr K. mit seinem Dackel schon auf mich.

"Sie sind aber schnell."

Es ist ein schöner Blick über das kleine Lichtenhain eingebettet in hügelige Weiden und Felder. Er zeigt mir, wo ich oberhalb des Ortes lang gehen muss. Er hat früher in der Landwirtschaft hier gearbeitet. Erzählt, wie Pläne eingereicht werden mussten, wer und was im Grenzstreifen zu tun hatte. Dann wurde der Zaun aufgemacht, die Bauern sind mit ihren Maschinen auf die Felder und Weiden des Grenzstreifens drauf und wieder zurück.

Er fährt los und ich laufe runter zum Dorf. Komme an einem Gebäude vorbei, dass wie ein DDR-Dorfkulturhaus aussieht. Abgeschnitten vom Rest der Welt, hatten sie hier früher auch ihr Dorfleben. Als ich auf den Weg einbiege, den mir Herr K. gezeigt hat, geht die Haustür des Hauses auf, an dem ich gerade vorbei gehe. Herr K. kommt heraus, hinter ihm seine Frau. Sie laden mich zum Abendbrot ein. Ist das nett. Es gibt Wiener Würstchen, gute Wurst , Käse, Tomate und Gurke aus dem Dorf. Und ein Bierchen. Erzähle natürlich nichts von meiner eigentlichen basischen Ernährung. Genieße das nette Abendbrot. Sie wollen wissen, was ich früher und jetzt mache. Als ich erzähle, dass ich in der Landwirtschaft gelernt und studiert habe, bin ich praktisch in der Familie aufgenommen. Mich interessiert, ob und wie sie regionale Heilpflanzen anwenden.

"Auf jeden Fall jedes Jahr die Blutwurztinktur."

Ich bin beeindruckt. "Bei uns finde ich sie nur ganz selten."

"Die Sammelstellen verrate ich natürlich nicht." meint er. "Das ist wie mit den Pilzen. Die Standorte sind Familiengeheimnis."

Mit Beinwell machen sie auch viel. Ein rüstiges Pärchen. Beide über 80, aber gut drauf. Auf dem Tisch liegt ein gequilter Tischläufer. Frage, ob sie den gemacht hat. Das ist ihr Hobby, von dem sie mir nun begeistert erzählt.

Ich kann aber nicht länger bleiben. Muss vor dem Dunkelwerden noch einen Schlafplatz finden. Frage, ob es in der Nähe eine Schutzhütte gibt. Er meint, er könne sich nur die Hütte auf dem Rennsteig vorstellen. Hatte ich in der Karte noch garnicht gesehen, dass die ehemalige Grenze auch ein Stück Rennsteig inne hatte. Er besteht darauf, mich dahin zu fahren. Vor dem Abschied bekomme ich noch einen roten Blutwurzschnaps und sie zeigt mir ihre Patchworkarbeiten. Richtig tolle Teile. Taschen, Handyhüllen, Westen. Und ich muss die gigantische Monstera bewundern, die fast die gesamte Stube einnimmt.

Wir fahren auf einer neuen Straße. Im Volksmund Birkhuhnstraße. Der Naturschutz hatte eindringlich damals gewarnt. Aber bei Straßenbau scheint bei den zuständigen Leuten ein hypnotischer Schalter im Gehirn an zu gehen. Da wird alles möglich gemacht, Hauptsache da existiert wieder eine neue Straße. Die Birkhühner und Auerhühner sind nun verschwunden.

Er macht eine kleine Rundfahrt mit mir. Zeigt in Klein-Tettau die ersten drei Häuser, die auf der Ost-Seite standen, deren Bewohner praktisch aber im Westen lebten, dort einkauften. Etliche Grenzsteine sind mit einem schützenden Drahtgeflecht umgeben. Einige davon sind wohl in der Vergangenheit ausgebuddelt und verkauft wurden.

Hier geboren, kennt er jeden Stich hier. "Mich hätten sie nie bekommen." War wohl heimlich immer mal drüben.

An der Hütte verabschieden wir uns. Ich frage, ob ich ihn mal drücken darf und er bricht mir fast meine Rippen.

Die Hütte ist ideal. Wunderschön gelegen. Eine Herde Hochlandrinder, die das ganze Jahr draußen ist, hält das Gelände frei. Weide mit lichtem Baumbestand, über der sich der rötliche Abendhimmel wölbt. Ich gehe zu der Herde. Selbst der Bulle macht einen gemächlichen friedlichen Eindruck. Die Kälbchen direkt am Zaun beobachten mich beim Fotografieren. Große Infotafeln berichten vom Grenzleben hier.

Ich mache mir in der Hütte meinen Schlafplatz zurecht. Lege die isolierende Plane über mich. Meine Idee ist, dass die Plane meine Körperwärme nicht so weg läßt. Und so ist es auch. Ich liege die ganze Nacht warm und kuschlig. Kann durch den Hütteneingang ins Gelände blicken. Erst auf die Abenddämmerung, dann auf den Sternenhimmel. Einfach schön.

07.09.2017

10 Stunden liegen ist lang. Kann aber erst aufstehen, wenn es hell wird. Spanne meine Leine in der Hütte auf und hänge Klamotten und Schlafsack zum Trocknen auf. Campingkocher an. Es gibt Tee aus Brombeerblättern, Weißkleeblüten und Schafgarbe. Und Alnatura -Frühstücksbrei mit Studentenfutter und Apfel. Als ich aufbreche, steht eine Frau mit ihrem Hund am Zaun der Hochlandrinder.

"So schön." "Ja", sagt sie: "Gehe jeden Morgen hier hoch. Bin fast süchtig danach. Es ist jeden Morgen anders, aber immer schön."

Im Wald laufe ich erst mal wieder falsch. Merke es aber rechtzeitig. Dann müßte der Grenzweg über eine Wiese gehen. Da ist aber eine Weide mit Mutterkuhherde. Muss also einen großen Bogen laufen. Dann bin ich wieder auf dem Kolonnenweg. Ist das schön hier. Finde ganz viel Blutwurz. Der Weg ist voll mit Bärwurz. Ich nehme mir etwas mit. Kann ich dann mit Pilzen essen. Einen prachtvollen Birkenpilz habe ich schon gefunden. Frauenmantel, orangefarbenes Habichtskraut, rot leuchtendes Weidenröschen. Ein Heidekrautpfad. Kurz vor seinem Ende finde ich Butterpilze.

Immer wieder Hinweise auf Schicksale von Flüchtlingen. Ein Grabstein für einen getöteten 36Jährigen. Informationstafeln, die die Geschichten dieser Menschen erzählen. Der Autograben ist noch deutlich erkennbar. Ein tiefer Graben, um zu verhindern, dass Menschen mit ihren Autos flüchten.

Verschiedene Tierherden halten das Gelände frei. Eine Rinderherde. Eine sehr schöne Rasse. Mit großen Hörnern, hellbraunem Fell, dunkelbraunem Kopf und weiß umrandetem Maul. Die Köpfe einer Schafherde gehen synchron mit meiner Bewegung auf dem Pfad. Ich werde genau beobachtet.

Auf einmal stehe ich vor einer Straße. Laut Karte dürfte hier gar keine sein. Ich bin wie so oft heute schon irritiert. Die Karten sind nicht richtig. Das kann einfach nicht nur mit meinem mangelhaften Orientierungssinn zusammen hängen. Ich laufe die Straße erst mal weiter. Laut Karte dürfte das nicht ganz falsch sein. Selbst am Straßenrand wächst hier Bärwurz. Toll! Ein Ortsschild. Neuenbau. Na das kann ja wohl jetzt nicht sein. Bin viel zu seitlich weg. Gleich am ersten Haus sind Leute draußen.

"Den Kolonnenweg gibt es nicht mehr. Alles zu gewachsen."

Sie erzählen, dass die Grenze direkt an ihrem Grundstück lang ging. Das begreife ich jetzt nicht. Laut des Grenzverlaufes auf meiner Karte dürfte Neuenbau garnicht so dicht dran gewesen sein. Doch das hängt wohl mit den Sicherheitsabständen innerhalb der Grenze zusammen. Wo ich hin wolle, was mein Ziel ist. Es dauert eine Weile, bis sie begreifen, dass ich kein Ziel für Übernachtung habe,da ich draußen übernachten will. Wieder dieser ungläubige Blick.

Sie raten mir, links auf einen Forstweg ab zu biegen und diesem immer gerade aus ca. 10km zu folgen.

"Der ist neu. Nach der Grenzöffnung sind nicht nur neue Straßen entstanden, auch neue Forstwege. Die Karten zeigen das oft noch nicht. Die machen zwar viel Werbung mit dem Grünen Band, aber wirklich was passieren tut da nichts."

Ich bedanke mich und folge ihrem Rat. Wenn man stundenlang nur durch Wald läuft, nichts weiter sieht außer Bäume, wird der Weg zum Ziel. Der Kopf wird frei. Gedanken beschränken sich auf Orientierung, Wasser finden, Rastplatz, Schlafplatz. Ich fühle mich frei. Bin trotzdem dankbar für die Geräusche einer Straße. Könnte jeder Zeit in die Zivilisation zurück. Bin doch  nur eine Teilzeit-Naturfrau.

Habe Hunger. An dem Forstweg wird es keinen Rastplatz geben. Aber ganz passend große Baumstammstücke am Wegesrand. Campingkocher mit Windschutz aufgebaut, Pilze geputzt, Wasser zum Kochen bringen, Pilze zusammen mit meiner selbstgemischten Suppenpulvermischung kochen.Zum Schluss fein geschnittene Bärwurzblätter dran. Zwischendrin nieselt es immer mal fein. Und dann einfach nur Genießen an diesem freien Ort.

Ha, ein Quellbach direkt am Wegrand. Was für ein Glück. Aber das Wasser fließt so flach über die Steine, dass nichts in die Flasche fließen kann. Schließlich nutze ich den zum Sawyer mini-Wasserfilter gehörenden Strohhalm. Braucht seine Zeit, funktioniert aber. Auf dem weiteren Weg sehe ich immer wieder Quellen und kleine Bachläufe. Ein Wasserproblem habe ich hier nicht.

Es fängt immer wieder an zu regnen. Dann muss ich doch mein Regencape raus holen. Super Teil! Komme an einer stehenden Quelle vorbei. Wenn ich nicht gerade so viele Schichten Klamotten an hätte, könnte ich mich hier mal gut waschen.

Der Weg teilt sich. Beide Wege gehen im Grunde genommen gerade aus und gerade aus sollte ich ja gehen. Welchen Geradeaus-Weg nehme ich jetzt? Bestimmt den falschen.

Endlich mal ein Wegweiser. Hä? Bin wieder verwirrt. Wenn ich geradeaus gehe, käme ich wieder nach Neuenbau. Links runter ist Heinersdorf sogar mit einem Wegsymbol angegeben. Da ich da hin will, entscheide ich mich für den Weg - und stehe irgendwann wieder im Nichts. Was ist hier eigentlich los. Durch die Bäume schimmern Häuser. Die Straße scheint nah zu sein. Ich halte mich erst rechts, aber da da ist bald nur noch Gestrüpp. Wieder zurück. Kaum erkennbar Fußspuren im Gras. Kurz vor der schon sichtbaren Straße sehe ich alte Bahnschienen. Schiebe mich durch das hohe Gras und Gestrüpp und finde mich auf der Straße wieder. Ein paar Meter weiter ein Ortsschild. Wie bin ich nach Schauberg auf der bayrischen Seite  gekommen? Ich brauche dringend eine Pause und Orientierung. Mein rechter Fuß muckert immer mehr. Sehe ein Gasthaus.

Im Gastraum sitzen an einem Tisch zwei alte Herren, einer liest Zeitung, der andere nippt an seinem Bier. An einem anderen Tisch kloppen mehrere Männer Skat. Es gibt also doch noch die alte Dorfkneipenatmosphäre.

"Grünes Band?" lächelt mich der Wirt an.

"Ich bin wohl nicht die erste, die hier strandet." meine ich erleichtert.

"Tja, grünes Band ein bekannter Name, aber Geld dafür ist nicht da. Die Wege sind meist nicht mehr begehbar und ordentliche Beschilderung fehlt auch."

Wir schauen uns gemeinsam die Karte an. Er empfiehlt, zunächst der Straße zu folgen. Dann gibt es einen Radweg nach Heinersdorf, der praktisch neben dem alten Kolonnenweg angelegt wurde. Die Grenze ging auch hier direkt vor seiner Nase lang.

Ich bekomme einen großen Pott Kaffee in einer sehr schönen blau-weißen Tasse ohne Markenstempel und ein in der Mikrowelle aufgebackenen eigentlich ganz leckeren Pflaumenkuchen mit Sprühsahne. Was ich alles esse und trinke , erstaunlich.

Die Straße läuft sich garnicht schlecht. Ich kann praktisch den Verlauf des Kolonnenweges neben der Straße verfolgen. Zu gehen ist er allerdings nicht mehr. Landschaftlich sehr schön hier. Zwei Kilometer hinter dem Ort zweigt der Radweg von der Straße ab. Auch hier ist der Kolonnenweg wie auf einem Bahndamm gelegen gut zu erkennen. Auch alte kleine Behelfsbrücken, die zu wachsen und nicht mehr genutzt werden, sind zu sehen. Ein kräftiger Bach schlängelt sich durch das Tal, das durch Weidetiere frei gehalten wird. Ausladende Bäume würden sich zum Übernachten eignen, aber es wäre sehr nass hier. Die Tierweiden sind  sehr großzügig. Weidetiere können sich hier wohl fühlen. Rechter Fuß und Knie schmerzen. Hätte jetzt gern meine Barfußschuhe an.

Ein Radfahrer Mitte Dreißig fährt langsam an mir vorbei, schaut mich an, grüßt. Ich ertappe mich dabei, dass ich die Wegränder aufmerksamer als sonst mustere. Was, wenn da einer auf mich los geht? Am Besten als Erstes meinen großen Wanderstock weg schmeißen. Mit dem kann ich eh nicht umgehen und dann kann er nicht gegen mich genutzt werden. Mit meinen Fäusten kann ich schon mehr anfangen. Raus aus meinem Kopf, ihr Gedanken!

Komme an einer Grenzerruine vorbei. Ortsschild Heinersdorf. Hier irgendwo haben zwei Pärchen eine spektakuläre Flucht mit einem selbstgebastelten Heißluftballon gemacht. Rechts ein wunderschönes altes Gehöft. War vielleicht mal eine Mühle. Bin fast geneigt zu fragen, ob ich auf dem Grundstück übernachten darf. Laufe aber weiter. Wieder Blick in die Karte, der ich nicht mehr vertraue. Spreche wieder Anwohner an.

"Vor drei Jahren gab es oben lang noch einen gut begehbaren Weg. Aber da ist jetzt alles privat. Die holen nur Holz raus. Alles andere ist denen egal." Sie beschreiben mir, wie ich dann wieder auf den Kolonnenweg komme.

Laufe durch den Ort. Hebe ein paar Äpfel vom Boden auf. Ich glaube, wenn jetzt hier irgendwo steht "Zimmer zu vermieten"werde ich schwach. Finde tatsächlich den Kolonnenweg, der aber dann wieder in einen Forstweg übergeht. Theoretisch müßte ich mich mehr links halten. Will jetzt aber kein Risiko eingehen und bleibe auf dem breiten Forstweg. Mein Gott, muss kurz vor Bett-geh-Zeit noch mal so eine Steigung sein? Bin wieder schweißnass. Sehe ein Tier vor mir weg flüchten. Bekomme aber nur ein Hinterteil mit weißem Schwanzstreifen zu sehen. Endlich geht es oben auf dem Kamm lang. Es wird dunkel. Ich brauche dringend einen geeigneten Platz zum Übernachten. Ein paar große Fichten, darunter weiches Gras. Geschützt und trotzdem offen. Höre einen Rehbock laut bellen. Gehe mit einem Räucherstäbchen um meinen  Schlafplatz und bitte um Gastfreundschaft der Bewohner. Der Rauchgeruch zeigt Tieren hoffentlich, dass heute hier jemand ist.  Alles aufgebaut. Ab in den Schlafsack. Ich bin so geschafft, dass ich eigentlich gleich einschlafen müßte. Pustekuchen!Höre meinen Herzschlag in den Ohren wummern, egal wie ich liege. Habe zu viel Mineralien ausgeschwitzt und zu wenig getrunken. Nehme wenigstens eine Magnesiumtablette. Ich lege mich auf den Rücken und setze meine Brille auf. Ein wunderbarer Sternenhimmel. Rechts ist der große Wagen. Über mir wölben sich die Wipfel der Fichten wie eine Kuppel. Dazwischen funkeln Sterne. Es ist still. Furchtbar still. Wie kann ein Wald so still sein. Ab und an dussel ich weg. Schlafen kann man das aber nicht nennen. Als ich mal wieder die Augen auf mache, fliegt ca. fünf Meter vor mir völlig lautlos eine Eule vorbei. Das ist so überraschend,dass ich zusammen zucke. Zehn Stunden Nachtruhe sind zu viel. Meine nächste Tour muss ich zu einer anderen Jahreszeit mache, wo die Nacht kürzer ist. Ich überlege sogar, im Dunkeln weiter zu gehen.

Endlich wird es hell.

08.09.2017

Sitze noch eingemummelt im Schlafsack und frühstücke. Tee habe ich mir diesmal aus meinem selbstgemachten arabischen Kaffeegewürz gemacht. Jetzt sind auch wieder ein paar Vögel zu hören. Bevor ich gehe lege ich ein Stück Apfel und Studentenfutter an die Fichte als Dank und Gastgeschenk. Ich orientiere mich jetzt mit google maps meines Handys. Egal wieviel Energie das kostet. Finde direkt die thüringisch-bayrische Grenze. Der ehemalige ostdeutsche Grenzweg ist erkennbar, lädt aber nicht zum Gehen ein. Zu hohes Gras, nass. Laufe lieber den bayrischen Wanderweg. Komme mir eher wie eine Grenzgängerin denn wie eine Wanderin auf dem Grünen Band vor. Der Weg ist sehr schön. Sehe immer wieder Pferdeäpfel und Hufabdrücke. Zu Pferd ist das bestimmt auch toll. Versuche den rechten Fuß bewußter auf zu setzen. Habe das Gefühl, im Vorderfuß ständig weg zu knicken. Es schmerzt immer mehr. Orientiere mich mit maps, um wieder auf die thüringische Seite zu kommen. Der Plattenweg. Bin ich auf ihm, fühle ich mich sicher. Denn da kann ja eigentlich nichts schief gehen. Denkste, er endet blind neben einem Feld vor einer großen Industrieanlage. Ich folge den Spuren der Landmaschinen auf einem Feldweg. Mein Fuß schmerzt immer mehr. Komme direkt in Neuhaus-Schierschnitz raus. Jetzt verstehe ich auch die Wegempfehlung aus dem Buch "Das grüne Band" von Dr. Reiner Cornelius. Gehe zum Gasthaus. Wie im westlichen Teil auch hier noch traditionelle Kneipenkultur. Bei dem Gaststättensterben tut es richtig gut, Männer mit ihrem Bierchen am Stammtisch sitzend zu sehen. Arbeiter kommen zum Mittagstisch.  Ich bestelle ein Bierchen und tatsächlich ein Schnitzel mit hausgemachten Kartoffelsalat. Dann kommen die Fragen. Als ich kurz meinen bisherigen Weg beschreibe, wird es still im Raum. Opa M. macht seine sexistischen Witze. Mangels Schlagfertigkeit schweige ich. Die anderen Männer nehmen es auch eher etwas verlegen.  Auch das hat sich nicht geändert . Je oller um so doller. Die Wirtsleute sind sehr nett. Mein Handy wird auf geladen. Gemeinsam schauen wir uns die Karte an. Da ich eigentlich einen anderen Weg gehen wollte, fehlt mir die Anschlusskarte. Er bestätigt meinen Gedanken, seitlich ab zu kürzen. Und verdonnert kurzerhand einen Gast, mich an den Kolonnenweg zu fahren.

Die Fahrt ist wieder sehr interessant. Er erzählt, wie sie früher auf dem Weg zur Arbeit immer  kontrolliert wurden sind. Sowohl rein als auch raus. Jeden Tag. Wir fahren durch sein Geburtsdorf. Er zeigt mir das Haus, wo er groß geworden ist.

"Der Grenzzaun ging durch den Garten unseres Hauses."

"Und da hat keiner probiert, da rüber zu kommen?" frage ich erstaunt.

"Doch, klar, einige."

Er setzt mich ab und zeigt mir die Unterführung der neuen Straße. Und dann bin ich wieder auf dem Kolonnenweg. Wieder weicht das sichere Gefühl schnell Ernüchterung. Da scheint schon lange keiner mehr lang gekommen zu sein. Der Weg ist immer dichter zu gewachsen. Ein wahrer Wald an Herkulesstaude wächst zusammen mit asiatischem Springkraut neben und auf dem Weg. Die Betonplatten sind bald nicht mehr zu sehen. Ein grün überspanntes Schild bittet darum, auf dem Weg zu bleiben. Jetzt muss ich aber richtig lachen. Grünes Band. Als Korridor für Flora und Fauna kann ich gerade noch so mit gehen. Aber die überspannte Darstellung, die suggeriert, auch als Wandermöglichkeit geeignet zu sein, ist höchst lächerlich.

Ich kann kaum noch laufen. Mein Fuss macht nicht mehr mit. Und dann stecke ich fest. Ein dichtes mannshohes  Gestrüpp aus Brombeerranken, Goldrute, Brennessel und Beifuss umgibt mich. Links und rechts sind Bachläufe. Zurück gehen geht nicht. Laut maps muss ca. 10  Meter vor mir ein befestigter Weg sein. Also durch. Ein Buschmesser wäre nicht schlecht. Ich versuche, die Brombeerranken runter zu treten und kämpfe mich durch. Da sehe ich einen Mann stehen.

"Ist nicht mehr weit." Er wartet mit seinem Hund .

"Das ist das grüne Band."schnaufe ich.

Er lacht:"Ja,der Weg wächst immer mehr zu."

Er geht in den Weg, den ich geschlagen habe.

"Sie gehen da jetzt rein?" frage ich entgeistert. "Dann sind die wenigen Spuren, die ich gesehen habe, wohl von Ihnen?"

Er lacht wieder. "Noch geht es. Ihr weiterer  Weg  ist jetzt besser."

"Wirklich? Hatte schon überlegt, drüben auf der Straße lang zu gehen."

Dann stehe ich zwischen Neuhaus und Sonneberg. Suche über google maps Unterkünfte. Sehe in ca. 300m Entfernung den "Grünen Baum". Frage trotzdem noch einen Einheimischen, der mit seinem Hund unterwegs ist. Aber er bestätigt auch, dass erst in zwei bis drei Kilometer Unterkünfte sind. Interessiert sich für meine Wanderung und ist auch ganz erstaunt. "Sie übernachten draußen?"

"Ja, heute aber hoffentlich nicht."

Ich bin fertig. Vor allem macht mein Fuß nicht mehr mit. Im "Grünen Baum" ist kein Zimmer mehr frei. Ich telefoniere und finde eine Pension. Sind aber 2,5 km bis dahin. Die letzten Meter machen wirklich keinen Spaß mehr. Endlich bin ich da. Fühle mich in die 60er, 70er zurück versetzt. An der Einrichtung hat sich nichts geändert. Wie in einer damaligen Jugendherberge nur mit Einzelzimmer. Frage noch nach einer Gaststätte. Endlich duschen. Breite noch alle Sachen von heute Morgen aus zum Trocknen. Dann erst mal auf's Bett. Versuche, durch Massieren meinen Fuß zu mobilisieren. Und dann tropfe ich noch Propolistinktur auf  meine Blase. Krietsche leise in mich rein. Brennt wie Feuer.  Ich kann mich nicht überwinden, noch mal in die Wanderschuhe rein zu gehen.

Ich schlafe so gut wie schon ewig nicht mehr.

 

09.09.2017

Als ich am Morgen im Bett sitze, kommt es mir fast surreal vor, gestern morgen mitten im Wald auf meiner Luftmatratze sitzend gefrühstückt zu haben.

Ich teste meinen Fuss. Sieht nicht gut aus. Nützt alles nichts. Schaue, wann ein Zug von Sonneberg nach Hause fährt. Ein Stück des Weges zum Bahnhof ist der gleiche wie zum grünen Band. Das soll der letzte Versuch sein.

Ich kann laufen, ja. Aber ich muss mir eingestehen, dass ich auf gar keinen Fall mehrere Kilometer Gelände gehen kann. Ich laufe schweren Herzens zum Bahnhof. Hatte mich so gefreut, heute Abend in Lautertal bei Christine auf zu schlagen. Richtiger Mist.

Als Abschluss stelle ich beim Umsteigen in Lichtenfels fest, dass ich meinen wundervollen Wanderstock auf dem Bahnhof liegen gelassen habe. Ralf teile ich meine Ankunft mit und dass mein Wanderstock weg ist. Dann ruft er mich an und erzählt, dass er in Sonnenberg angerufen hat. Doch der Wanderstock liegt nicht mehr auf dem Bahnhof.

Fazit

Nächstes Jahr bin ich wieder dort. Ende April wäre gut. Die Nächte sind dann nicht mehr so lang, es ist noch nicht so warm und die Wege noch nicht so zu gewachsen.

Ich werde die Schuhe tagsüber wechseln.

Da es das grüne Band offensichtlich nicht wirklich gibt, sehe ich mich mehr als Grenzgängerin.

Ich werde mir zwei leichte Trekkingstöcke besorgen, so dass ich diese weg packen kann, wenn ich sie nicht wirklich brauche.

Und muss lernen, mit dem GPS-Wandergerät um zu gehen.

Ich habe es geschafft. Allein! Es war toll!

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Kommentare: 5
  • #1

    Michael E. Wolf (Samstag, 16 September 2017 12:33)

    Klasse gemacht. Eine meiner nächsten Touren...
    Bravo!

  • #2

    Steffen & Bärbel (Sonntag, 17 September 2017 16:03)

    Hallo, liebe Heike.

    Hochachtung vor deiner Leistung und ein eindrucksvoller Bericht ��.
    Steffen bietet dir eine GPS-Schulung an.

  • #3

    Höfer, Rosi (Montag, 18 September 2017 08:58)

    Hallo Heike, danke für diesen kurzweiligen Bericht, den ich begierig und oft schmunzelnd gelesen habe (Eigentlich wollte ich gerade etwas ganz anderes tun...ich habe mich aber gerne ablenken lassen). Gratuliere dir zu deinem Mut und zur Überwindung. Und was dein basisches Vorhaben betrifft - denk einfach noch mal drüber nach, ob alles zur gleichen Zeit wirklich gut ist...
    Liebe Grüße von Rosi

  • #4

    Silke Grieger (Montag, 18 September 2017 12:10)

    Liebe Heike, dein Reisebericht hat mich fasziniert und ich bin begeistert, wie du diese Herausforderung angenommen und gemeistert hast. Die Natur ist unser bester Weggefährte und Lehrmeister und ich kann gut verstehen, dass du im nächsten Jahr wieder auf Wanderschaft gehen wirst. Schön, dass du uns an deinen Erfahrungen teilhaben lässt. Ich danke Dir von Herzen dafür.
    Alles Liebe, Silke

  • #5

    Elke (Dienstag, 24 Oktober 2017 10:24)

    Liebe Heike, mich beeindruckt immer wieder mit welcher Leidenschaft und Energie du dich solcher Herausforderungen stellst. Deine Erlebnisse für uns durch die tollen Bilder und Schilderungen erlebbar zu machen, dafür vielen Dank.